Was trägt mich durch diese außergewöhnliche Zeit?

Natürlich hatte ich zu Beginn der Corona-Pandemie auch Angst davor, dass ich mich anstecke, wie sich das Virus auf die Beziehungen zu meinen Schwestern und Freundinnen auswirkt und welche langfristigen Folgen es für unsere Wirtschaft, das gesellschaftliche Zusammenleben und die weltweite Vernetzung haben wird.
Aber dann, an einem sonnigen Frühlingstag - draußen vor meinem Fenster bekamen gerade die Bäume ihre ersten grünen Blätter - fielen mir die letzten Zeilen aus einem Gedicht von Reiner Kunze wieder ein:

Was machst du, fragt gott
Herr, sag ich, es regnet, was soll man tun
Und seine antwort
wächst grün durch alle fenster *

Der letzte Satz war in diesem Moment so tröstlich für mich. Ich dachte, ja, das Leben geht weiter, die Natur lässt sich nicht stoppen und Gott ist selbstverständlich da. Ab diesem Zeitpunkt ging es mir besser. Mir wurde klar, dass es mir ja eigentlich gut geht. Ich bin gesund, ich habe eine Arbeitsstelle, ich lebe nicht allein und kann es gut zu Hause aushalten, ich habe Hobbies, für die ich mich nicht in Menschenmassen begeben muss, ich kann online Kontakt zu anderen halten und ich muss nicht bis in den entlegendsten Winkel der Erde fliegen, um etwas zu erleben. Heute bin ich dankbar für meine privilegierte Situation, besonders dann, wenn ich Bilder aus Bolivien sehe oder mich mit dem neuen Weltgebetstagsland Vanuatu beschäftige. Diese Dankbarkeit und der Glaube daran, dass Gott da ist, tragen mich durch diese Zeit.

Hildegard Sanner
Referentin der kfd

 

*Zuflucht noch hinter der Zuflucht, aus: Reiner Kunze „Zimmerlautstärke“, Frankfurt 1977